Kinder- und Jugendpsychiatrie in OWL

Brief an die Herren Frank Hartmann (Neue Westfälische), Jürgen Langenkämper (Mindener Tageblatt) sowie Joachim Hütte (GF Klinikum Lippe) bezugnehmend auf den Artikel “Streit um Jugendpsychiatrie” vom 16. März in der Neuen Westfälischen:

Sehr geehrte Herren,

mit großem Interesse habe ich Ihre ausführliche Berichterstattung im o.g. Artikel gelesen. Darin ist eine eher konservative Ausrichtung einiger Akteure im Kreis Minden-Lübbecke deutlich geworden. Dazu möchte ich gerne Stellung beziehen.

Auch psychisch erkrankte Kinder gehören in unsere Mitte. Die Haltung des Kreises Minden-Lübbecke in Fragen der kinder- und jugendpsychiatrischen Versorgung zeigt keine Bereitschaft zu innovativer Gesundheitspolitik. Kinder und Jugendliche sollen möglichst psychiatrisch im gewohnten Lebensumfeld therapeutisch versorgt werden.

Die Einrichtung einer kinder- und jugendpsychiatrischen stationären Einheit in Lübbecke erfüllt u.a. die Forderungen der Landesgesundheitskonferenz aus dem Jahr 2010 und entspricht den Festlegungen im Krankenhausgestaltungsgesetz von 2015.

Mit der Verknüpfung der konzeptionellen Vorgaben des Krankenhausplans und Größe der Einheit soll erreicht werden, dass stationäre, teilstationäre und ambulante Angebote, also auch Sektor-übergreifende Behandlung in der Regel in Kreisen und kreisfreien Städten vorgehalten werden und in räumlicher Nähe liegen.

Damit sollen naheliegende Ziele erreicht werden:

  • Vermeidung langer Anfahrtszeiten für Bezugspersonen.
  • Behandlungs- und personelle Kontinuität und Vermeidung von Versorgungsbrüchen im Falle von Wechseln zwischen ambulanter Behandlung und stationären sowie teilstationären Phasen.
  • Zusammenarbeit mit niedergelassenen Fachärztinnen und -ärzten und weiteren ambulanten Behandlungsangeboten (Psychotherapie, Ergotherapie, etc.) ist in der Regel nur regional gut realisierbar.
  • Vernetzung mit der örtlichen Jugendhilfe und dem kommunalen Gesundheitsdienst in Bezug auf integrierte Hilfeplanung und Leistungserbringung.
  • Vernetzung mit dem regional organisierten Schul- und Ausbildungssystem (Lehrkräfte, Schulsozialarbeit, Schulpsychologischer Dienst, Jugendberufshilfe, etc.)

Versorgungsziel der Planung im Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie ist die Bereitstellung eines an den jeweiligen Bedürfnissen der psychisch und psychosomatisch kranken Kinder und Jugendlichen ausgerichteten Versorgungsangebotes. Es muss den örtlichen bzw. regionalen Bedarf abdecken, wohnortnah, vernetzt und differenziert sein.

Die Forderung nach Mindestgrößen, um Wirtschaftlichkeit und Differenzierungsangebote zu gewährleisten, müsste belegt werden. Bisher sind die Aussagen der Kritiker*innen zur Wirtschaftlichkeit sehr allgemein und nicht durch betriebswirtschaftliche Kalkulationen begründet. Darüber hinaus dürfen wir doch erwarten, dass fachliche Gründe für kleinere Einheiten im Sinne der betroffenen Kinder und Jugendlichen auch entsprechende Bereitschaft und Anstrengungen auslösen, hier eine wirtschaftliche Realisierung anzustreben. Dies scheint z.B. in Baden-Württemberg durchaus möglich zu sein.

Dort ist es offenbar auch möglich, bei 20-24 Plätzen den Altersgruppen gerecht zu werden. So ist bei 20 Plätzen eine Aufteilung in eine Jugendstation und eine Kinderstation möglich, oder aber bei 24 Plätzen auch drei Stationen mit entsprechenden Altersgruppen (4-10, 10-14, 14-18).

Hierbei ist zu beachten, dass eine Altersgruppenverteilung im Krankenhausplan NRW nicht vorgesehen ist. Gefordert wird die Behandlung aller Krankheitsbilder in einer Klinikeinheit mit teilstationären und stationären Angeboten.

Die mitunter von Fachverbänden angesprochene gesonderte Station für die qualifizierte Entzugsbehandlung ließe sich aufgrund der geringen Fallzahlen auch in größeren Kreisen oder Städten nicht realisieren. Darüber hinaus gibt es auch hier andere Fachmeinungen.

Die oben genannten Gründe, also Ortsnähe, Einbindung von Bezugspersonen etc. legen nahe, störungsspezifisches Spezialwissen regional durch Fortbildung, Konsiliartätigkeit etc. sicher zu stellen. Gerade die Nähe voll- und teilstationärer Angebote – so wie vom zuständigen Ministerium (MGEPA NRW) in Lübbecke vorgesehen – ermöglicht die Setting-übergreifende Integration von Spezialwissen.

Die bisherigen als Satelliten geführten Tageskliniken ermöglichen dieses gerade nicht.

In NRW hat sich aus unterschiedlichen Gründen und Traditionen eine Trägerlandschaft mit in der Mehrzahl großen Zentren mit einer hohen Zahl an Betten entwickelt. Eine Umsteuerung ist immer dann einfacher, wenn sich die Betten- und Platzzahlen in der Bedarfsplanung erhöhen. Das bedeutet aktuell bei einer Aufstockung der Betten- und Platzanzahl, dass für eine Dezentralisierung ein geeigneter Zeitpunkt ist. Stockt man jetzt wieder die großen Zentren auf bzw. genehmigt erneut ein Zentrum mit 60 Betten und zusätzlichen Plätzen (Bad Salzuflen), ist das wiederum ein Signal in Richtung Zentralisierung.

Das widerspräche nicht nur einer Patienten zugewandten Politik, sondern auch dem Gesetz.

Mit freundlichen Grüßen

Manuela Grochowiak-Schmieding MdL